Mein nächster längerer Urlaub steht bald an – und wie jedes Jahr stellt sich die Frage, wohin ich wandern möchte. In den letzten Monaten habe ich mir viele verschiedene Fernwanderwege angeschaut, Routen studiert und Berichte gelesen.
Ich schwankte lange Zeit zwischen einer Durchquerung der Pyrenäen auf der Haute Randonnée Pyrénéenne und einer Alpendurchquerung. Die meiste Zeit habe ich mich mit der sportlichen und wunderschönen Pyrenäen-Durchquerung befasst. Da ich aber nur 28 Tage Zeit habe und noch jeweils ein Tag für An- und Abreise abgezogen werden muss, war dieses Abenteuer bereits sehr sportlich angedacht. Die aktuellen Waldbrände auf Abschnitten der Tour und die relativ ausgebuchten Zugverbindungen nach Hendaye haben mich dann aber doch relativ kurzfristig umgestimmt.
Statt einer Durchquerung der Pyrenäen kamen mir dann der GTA (Grande Traversata delle Alpi) und der L1 wieder in den Sinn. Beide Wege stehen schon seit längerem auf meiner Liste, ich hatte sie mir bereits letztes Jahr angeschaut, mich dann aber für die Alpenüberquerung von Salzburg nach Triest entschieden.
Nach genauerer Betrachtung habe ich mich nun für den L1 von Garmisch nach Brescia entschieden. Somit muss der GTA mindestens ein weiteres Jahr auf sich warten.
Was ist eigentlich der L1?
Der L1 ist eine relativ unbekannte Alpenüberquerung von Garmisch-Partenkirchen nach Brescia. Entworfen wurde die Route 1989 von Hans Losse und seinem damals 15-jährigen Sohn Alexander – daher auch der schlichte Name „L1″, den die beiden ihrem Weg scherzhaft gaben. Ihre Idee: eine Alpenüberquerung, die vollständig ohne Bus, Bahn oder Seilbahn auskommt. Man geht sie also wirklich komplett zu Fuß, von der ersten bis zur letzten Etappe – also perfekt für mich.
Die Route führt vom Fuß der Zugspitze durch das Wettersteingebirge und die Mieminger Kette ins Tiroler Inntal, weiter durch die Stubaier und Ötztaler Alpen über den Alpenhauptkamm ins Vinschgau, und schließlich über die Ortler- und Adamellogruppe bis nach Brescia. Rund 400 bis 430 Kilometer, verteilt auf etwa 26 bis 30 Etappen, mit knapp 30.000 Höhenmetern im Auf- und Abstieg. Dazwischen liegen ausgesetzte, teils seilversicherte Passagen, eine spaltenarme Gletscherquerung und – ganz am Ende, im Adamello-Gebiet – Abschnitte, auf denen es weder Wegmarkierungen noch nummerierte Pfade gibt und ich mich allein auf Karte und Kompass verlassen muss.
Genau das macht den L1 für mich so reizvoll: Im Gegensatz zum E5 oder dem Traumpfad München–Venedig ist er kaum bekannt und entsprechend wenig begangen. Wer auf diesem Weg Wanderer trifft, hat meistens Glück – oder eben Pech, je nachdem, wie einsam man es mag. Bei mir überwiegt eindeutig die Vorfreude auf die Ruhe.
20 statt 30 Tage – und was mache ich mit dem Rest?
Da ich insgesamt 28 Tage Zeit habe und auch wieder einige Doppeletappen laufen möchte, wird mir der L1 allein sicher nicht ausreichen. Ich plane, den Weg statt in den üblichen 30 Tagen in knapp 20 Tagen zu absolvieren. Damit bleiben mir noch ein paar Tage übrig, und ich habe mir überlegt, wie ich die Tour sinnvoll verlängern oder abändern kann. Theoretisch lässt sich der Weg ab Brescia problemlos verlängern oder eben abkürzen – zum Beispiel bis zum Gardasee.
Nochmal von zu Hause los
Nach längerem Hin und Her kam mir die Idee: Warum nicht einfach wieder von zu Hause aus starten, so wie ich es vor ziemlich genau drei Jahren schon bei meinem Jakobsweg gemacht habe? Dadurch hätte ich ein paar entspannte Etappen zum Warmlaufen, bevor es alpin wird. Statt in Garmisch zu beginnen, will ich von zu Hause aus, also von Jöhlingen bei Karlsruhe beginnen.
Nach kurzer Recherche bin ich dann auch direkt auf den HW5, ein Fernwanderweg des schwäbischen Albvereins gestoßen. Dieser knapp 311km lange Weg, führt von Pforzheim durch die schwäbische Alb bis auf den Schwarzen Grat bei Isny, welcher mit seinen 1118m der höchste Gipfel vom ehemaligen königreich Württemberg ist.
Da der Weg quasi vor meiner Haustür beginnt und mich bis ins Allgäu und somit den Beginn der Alpen führt, eignet er sich hervorragend als etwas längerer Zubringer für meine Alpenüberquerung.
Von Isny aus möchte ich dann wahrscheinlich weiter bis nach Ehrwald wandern. Der L1 selbst führt eigentlich von Garmisch durch das Reintal zur Knorrhütte und biegt dann Richtung Süden ab. Ich werde dann vorrausichtlich über das Gatterl von Ehrwald aufsteigen oben auf den L1 stoßen. Wenn das Wetter mitmacht, werde ich noch zur Zugspitze aufsteigen und danach meine Reise auf dem L1 über die Alpen vortsetzen.
Sollte es mir zeitlich doch zu knapp werden, kann ich relativ entspannt zum Gardasee umschwenken und von dort aus die Heimreise antreten. So habe ich mir zumindest ein Hintertürchen offengehalten, falls das Wetter, meine Beine oder sonst irgendetwas mir einen Strich durch die Rechnung machen sollte.
Die Tour in Zahlen
Wenn ich alles zusammenrechne, kommt da eine ordentliche Hausnummer zusammen. Der HW5 allein ist mit rund 307 Kilometern und knapp 7.300 Höhenmetern im Aufstieg schon eine kleine Wanderung für sich. Dazu kommen die Kilometer von zu Hause bis zum offiziellen Startpunkt in Pforzheim sowie die Verbindungsetappen vom Schwarzen Grat durchs Allgäu bis zur Zugspitze, die zusammen noch mal etwa 130 Kilometer und ein paar Tausend Höhenmeter obendrauf packen. Und dann folgt natürlich noch der L1 selbst, mit seinen rund 400 bis 430 Kilometern und knapp 30.000 Höhenmetern im Aufstieg.
Unterm Strich lande ich also bei ungefähr 850 Kilometern und ca. 40.000 Höhenmetern im Aufstieg, die ich in 28 Tagen bewältigen möchte – vom heimischen Kraichgau bis nach Brescia. Ob ich am Ende tatsächlich genau auf diese Zahlen komme, wird sich zeigen, schließlich ist noch nicht jede Etappe bis ins letzte Detail geplant. Aber als grobe Hausnummer für das, was vor mir liegt, macht mir das schon jetzt gehörigen Respekt – immerhin entspricht dass etwas mehr als 28 km Strecke und 1400 Höhenmeter Aufstieg pro Tag.
Im Endeffekt überwiegt aber die Vorfreude auf dieses Abenteuer und ich kann es kaum erwarten, endlich die Schuhe zu schnüren und loszuwandern. In wenigen Tagen geht es dann endlich los.
Wie genau ich die 28 Tage einteile, was ich unterwegs erlebe und wie weit ich komme, erzähle ich euch in den nächsten Beiträgen. Wenn du nichts verpassen willst, abonniere gerne auch meinen Newsletter, um über Neuigkeiten informiert zu werden.
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