Die Berge werden immer niedriger und ich komme mittlerweile kaum noch über 2000 Höhenmeter hinauf. Trotzdem gibt es noch einige Kilometer zu absolvieren und weitere Gipfel zu erklimmen.
Tag 24 – Rifugio Lissone bis Rifugio Tita Secchi – 15.08.2026
20,9 km / H 1840 m / R 1480 m
Im Lager war es leider sehr warm in der Nacht und das Fenster wollte niemand öffnen. Wirklich gut habe ich nicht geschlafen, aber es sollte ausreichen.
Das Frühstück besteht aus Brot, Zwieback, Kuchen und dazu Marmelade und Nutella. Dementsprechend schnell bin ich fertig und dann auch früh unterwegs.
Für heute steht die letzte Alpine Etappe auf dem Programm, welche mich über eine schöne Gratwanderung weiter in Richtung Süden bringen soll.

Nachdem ich die Hütte verlassen habe, geht es kurz über eine Hängebrücke und dann biegt der Weg auch direkt links ab und es geht hinauf.

Ich lasse schnell einige Höhenmeter hinter mir und langsam bekomme ich eine wirklich schöne Aussicht – sowohl in das Tal hinein, als auch zurück auf die Hütte.

Auch wenn es steil nach oben geht und immer wieder Stahlversicherungen angebracht sind, ist der Weg gut zu gehen. Am Morgen ist es noch relativ frisch und somit komme ich bei angenehmen Temperaturen immer weiter nach oben, ohne direkt wieder zu schwitzen. Immer wieder sind kurze Passagen dabei, bei denen ich über Stahlbügel nach oben klettern muss.

Nach einiger Zeit komme ich dann oben am Kamm an. Der Weg führt mich von hier an immer wieder links und rechts am Hang entlang, während es neben mir teilweise steil bergab geht. Die meisten kritischen Stellen sind aber für mir einem Stahlseil gesichert.
Das Laufen hier oben macht mir richtig Spaß und das Panorama ist wirklich beeindruckend.

An den gefährlichen Stellen passe ich besonders auf und halte mich an den Stahlseilen fest, da ich mir hier definitiv keinen Ausrutscher erlauben darf. Insgesamt bleibe ich aber unbeeindruckt davon und wandere entspannt durch diese schöne Landschaft.
Der Weg schlängelt sich für längere Zeit oben entlang und führt auf der Grenze zwischen der Lombardei und dem Trentino entlang, welche im 1. Weltkrieg die Grenze zwischen Österreich-Ungarn und Italien war. Somit komme ich auch immer wieder an alten Stellungen des 1. Weltkrieges vorbei, die selbst in solchen Höhen mühevoll angelegt worden sind.

Nach einiger Zeit habe ich den Klettersteig absolviert und ich steige über normalere Wege etwas bergab, bevor ich für kurz am Hang entlang laufe, nur um den nächsten Anstieg zu starten.

Es geht entspannt nach oben und ich komme sehr gut voran.

Bald erreiche ich das Refugio Maria e Franco, welches ich aber direkt hinter mir lasse, da ich noch eine weitere Etappe für heute geplant habe.

Es geht nochmals kurz über Blockgelände nach oben und dann bekomme ich einen sehr schönen Blick in das Tal auf der anderen Seite. Von hier oben überblicke ich eine ganze Hochebene, was wohl auch der Grund für die ehemalige Stellung direkt an der Felskanzel hier oben war.

Es folgt ein sehr steiler Abstieg, der aber gut mit Ketten gesichert ist. Da ich anscheinend der einzige bin, der von oben absteigt, ist die Steinschlaggefahr, welche in meinem Wanderführer erwähnt wird, auch gering.

Als ich die komplette Wand abgestiegen bin, geht es unten weiter über normale Wanderwege durch eine felsdurchzogene Wiese. Hier treffe ich dann auch ab und andere Wanderer, die mir entgegen kommen. Für längere Zeit laufe ich durch diese schöne Landschaft. Da ich die meiste Zeit niemanden treffe und auch weder Wasser, Wind oder größere Tiere höre, bin ich in absoluter Stille unterwegs. Lediglich die teilweise sehr lauten und oft unerwarteten Schreie der Murmeltiere lassen mich kurz aufzucken.

Nach einiger Zeit kommt nochmals ein Anstieg auf mich zu, da ich mit dem Lasso di Blumone, den letzten höheren Pass auf meiner Reise überwinden muss. Über Gestein geht es nochmals auf 2633m hinauf. Da mir die Aussicht oben so gut gefällt und ich heute keine Zeitnot habe, setzte ich mich auf einen Felsen und mache mir einen Kaffee. Während ich diesen genieße, betrachte ich mir die Berge vor mir.

Nach etwa 20 Minuten wird es mir aber zu kalt und ich steige kurz zum Refugio Tita Secchi ab. Dort bekomme ich noch einen Platz im Lager, welches aber für mich eher wie das Notlager wirkt. Zumindest werde ich im Keller untergebracht, obwohl die meisten Leute oben schlafen. Mir ist das aber ganz Recht, da ich in dem kleineren Zimmer wahrscheinlich eine ruhigere Nacht haben werde als im großen Bettenlager.

Beim Abendessen sitze ich mit einer in Italien lebende Lettin am Tisch, die die letzten Etappen meiner Tour in die entgegengesetzte Richtungen unternimmt. Zum Essen gibt es wieder Nudeln zum Vortisch und Polenta mit Schweinebraten als Hauptspeise. Als ich nach einem Nachschlag frage, muss die Bedingung erst kurz schauen, ob es noch etwas gibt, bringt mir wenig später aber mit einem großen Grinsen einfach die gleiche Portion nochmal, wodurch ich dann richtig satt werde. Beim Bezahlen bekomme ich noch einen Schnaps aufs Haus, der tatsächlich mein erster auf der ganzen Tour bisher ist.
Tag 25 – Rifugio Tita Secchi bis Hotel Locanda Bonardi – 16.08.2026
27,3 km / H 1200 m / R 1830 m
Spät Abends kamen noch zwei Leute zu mir in den kleinen Raum dazu, aber trotzdem konnte ich gut schlafen. Frühstück gibt es um 7 Uhr, wodurch ich gegen halb 7 aufstehe und meine Sachen zusammen packe.

Nach dem Frühstück wandere ich direkt los und es geht über einen schönen Steinweg das Tal entlang. Bei der Morgensonne sieht es wie immer wunderbar aus und ich komme gut voran. Bald steige ich einige hundert Höhenmeter ab.

Von hier an wird der Weg ziemlich unspektakulär. Lange Zeit wandere ich über gepflasterte Forstwege weiter hinunter und nachdem ich einen Bach überquert habe, auf der anderen Seite wieder hinauf.

Die Landschaft bleibt immer einigermaßen gleich und es gibt wenig zu sehen. An einem Picknickplatz, mache ich eine Mittagspause und koche mir von meinem restlichen Essen, welches ich schon länger mit mir herumschleppe.

Dann folgt ein erneuter Anstieg, bei dem ich anfangs auch noch im Wald unterwegs bin und niemanden treffe, später dann aber häufiger über freie Wiesenabschnitte aufsteige.

Erst ab einem See, der anscheinend ein beliebtes Ausflugsziel ist, kommen mir immer wieder Wanderer entgegen. Zuerst wollte ich hier eine längere Pause einlegen, aber da hinter mir schon wieder ein Gewitter aufzieht und ich noch etwas Strecke vor mir habe, wandere ich ohne anzuhalten weiter.

Ich komme an einer Passstraße an, der ich dann mehr oder weniger folge. Zwar die meiste Zeit auf Pfaden zwischen der Straße, aber die Richtung bleibt die gleiche. Ich steige immer weiter ab, bis ich kurz vor dem Hotel Locanda Bonardi bin.

Etwa einen Kilometer vorher, fängt es hinter mir an zu donnern und Regen setzt ein. Auf eine Regenjacke verzichte ich und mache mich stattdessen schnell auf den Weg zum Hotel.

Dort komme ich dann immerhin noch einigermaßen trocken an und bekomme auch noch ein Zimmer, welches ich dankend annehme, während draußen der Regen immer stärker wird. Nachdem ich eine warme Dusche genommen habe, fängt es draußen an zu hageln und ich bin froh, nicht noch weiter gegangen zu sein, sondern es gerade noch rechtzeitig hier her geschafft zu haben.

Da es bis zum Abendessen noch etwas dauert, schaue ich eine Folge von „Die Anstalt“ und merke dabei, dass ich die letzten Wochen überhaupt keine Serien oder sonstiges geschaut habe. Das Abendessen hier im eher vornehmen Restaurant schmeckt zwar gut, aber größere Portionen und dafür etwas einfacher wäre mir lieber gewesen.
Da die meisten Bedingungen auch kaum Englisch können, verzichte ich darauf nach einem Nachschlag zu fragen, und hoffe, dass das Frühstücksbuffet gut bestückt ist. Nach dem Essen gehe ich dann auch direkt schlafen, um mich für morgen zu erholen.
Tag 26 – Hotel Locanda Bonardi bis Lodrino – 17.08.2026
27,7 km / H 1200 m / R 2220 m
Geschlafen habe ich wirklich gut und auch lange. Frühstück gibt es erst ab halb 8 und somit durfte ich mal wieder ausschlafen. Das Buffet ist für italienische Verhältnisse gut bestückt und neben Brot mit Marmelade und Kuchen, gibt es tatsächlich auch Wurst und Rührei mit Speck. Bis ich mein Kaloriendefizit von gestern aufgefüllt habe dauert es etwas und somit komme ich erst kurz vor 9 Uhr los.
Der Weg führt mich am Berghang entlang und als ich auf die andere Seite komme, darf ich direkt ein schönes Panorama erblicken. Weiter hinten ist sogar der Gardasee mit seiner Halbinsel zu erkennen.

Nun geht es für mich längere Zeit am Hang entlang relativ gerade aus. Mal auf der einen Seite des Berges mit schöner Aussicht, mal auf der anderen Seite durch kleinere Bäume hindurch. Insgesamt ist der Weg ganz gut zu gehen und trotz Kalkstein, auch nicht wirklich rutschig.
Irgendwann komme ich an einem etwa 50 jährigen Wanderer vorbei, der gerade seine Kleider trocknet. Ich komme mit ihm ins Gespräch und wie sich herausstellt, ist er aus Deutschland und wandert auch auf dem L1. Er läuft zwar die normalen Etappen und somit ist er bisher schon 26 Tage auf dem L1 unterwegs, aber so wie ich, ist er auch mit Zelt unterwegs. Somit treffe ich mit Arne aus Flensburg tatsächlich noch einen L1-Wanderer kurz vor dem Ende. Ich unterhalten mich mit ihm eine ganze Weile über die bisherige Tour und erfahre, dass er auch bereits einmal Deutschland vom Norden bis nach Bayern durchquert hat. Eventuell auch mal etwas für mich, aber dann in die andere Richtung.
Nach einem interessanten Austausch, mache ich mich wieder auf den Weg, da ich noch ein bisschen Strecke vor mir habe, um auch heute wieder eine Doppeletappe zu wandern.
Von hier an geht es zwar nochmals kurz nach oben, von wo aus ich eine gute Aussicht habe, aber danach wird der Weg etwas zäh.

Vielleicht bin ich auch nur von den vielen Highlights in den Alpen verwöhnt, aber insgesamt wirkt der Weg hier sehr unspektakulär auf mich. Als es dann am Nachmittag endlich nochmals richtig hinauf geht und ich am Gipfel auch einen echt schöne Blick vorfinde, kann ich hier leider keine Pause einlegen, da hinter mir schon wieder das tägliche Gewitter brodelt und ich schnellstmöglich vom Gipfel absteigen sollte.

Also geht es direkt wieder nach unten und während dem Abstieg, setzt dann auch noch Regen ein. Mit schnellen Schritten renne ich fast nach unten, um vor dem Gewitter sicher zu sein und noch möglichst viel Höhenmeter zu verlieren, bevor der Kalkstein rutschig wird und ich vermutlich langsamer vorankommen werde.
Glücklicherweise dreht der Wind irgendwann und das Gewitter zieht wieder in eine andere Richtung. Somit kann ich entspannter die restlichen Meter bis nach Lodrino absolvieren.

Das B&B im Ort ist leider schon voll, aber ich bekomme noch einen Platz in einem sehr einfachen Hotel für 51€. Da es dort sogar eine Küche gibt, kaufe ich mir im Supermarkt ein paar Sachen und koche mir mein eigenes Abendessen. Einfach, aber gut.

Danach ruhe ich mich noch aus und nutze die Zeit, um weiter in meinem Buch zu lesen, bevor ich dann auch schon wieder einschlafen.
Mittlerweile trennen mich nur noch knapp 40 km von meinem Ziel Brescia, aber anscheinend nochmals einige Höhenmeter und eine schwarze Etappe, die angeblich sehr zeitaufwendig sein soll. Morgen muss ich dann also entscheiden, ob ich eher zwei kurze Etappen (die normalen aus dem Reiseführer, in dem diese bereits als konditionell sehr anspruchsvoll markiert sind) oder eine lange Etappe bis nach Brescia mache. Wahrscheinlich werde ich spontan entscheiden, je nachdem wie das Wetter am Ende des ersten Abschnittes sein wird und wie mein Körper die Belastung mitmacht.
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