Was macht eine Fernwanderung mit einem?

Seit meinem Aufbruch nach Santiago de Compostela im Jahr 2023 bin ich viel zu Fuß unterwegs gewesen. Ich war in vielen verschiedenen Ländern, habe in unterschiedlichsten Landschaften übernachtet und verschiedene Kulturen kennengelernt. Über 11.000 Kilometer habe ich seitdem erwandert.

Immer wieder fragen mich Leute, wieso ich das eigentlich mache, ob ich mich dabei nicht einsam fühle oder wie mein Körper das überhaupt mitmacht. In diesem Blogartikel möchte ich nicht auf ein spezielles Abenteuer eingehen oder einen klassischen Reisebericht schreiben, sondern zeigen, was solch eine Wanderung tief im Inneren mit mir macht – und wieso ich immer wieder aufbreche.

Erst vor wenigen Tagen bin ich von meiner Tour von zu Hause bis nach Brescia heimgekehrt. In 27 Tagen habe ich über 840 Kilometer mit etlichen Höhenmetern zurückgelegt. Für meinen Körper war das eine Zeit der absoluten Extrembelastung: Über Wochen hinweg bin ich im Schnitt 31 Kilometer gewandert und habe täglich über 1.300 Höhenmeter absolviert. Das Ganze mit vollem Rucksack auf dem Rücken und ohne einen einzigen Pausentag. Anstelle eines komfortablen Betts habe ich die meiste Zeit entweder auf meiner harten Isomatte oder in vollbelegten Matratzenlagern verbracht. Und doch hat mein Körper weder gestreikt noch ernsthafte Probleme gemacht.

In etlichen Schritten bin ich Tag für Tag weitergelaufen, Berge hinauf und hinunter. An manchen Tagen lagen über 2.500 Höhenmeter hinter mir, an anderen 45 Kilometer Strecke. Das ist für den Organismus ein absolutes Ausnahmeszenario: Knapp 4.500 Kalorien habe ich Tag für Tag verbraucht. Während ich zu Beginn noch auf die normalen Fettreserven zugreifen konnte, war nach einigen Tagen schlichtweg nicht mehr viel Fett zum Verbrennen da.

Ab da fängt der Körper an, auf tiefere Reserven zurückzugreifen. Umso wichtiger ist es, ununterbrochen nachzutanken – Kalorien, Eiweiß, Salz und Mikronährstoffe. Auf einer längeren Wanderung, bei der man alles im Rucksack mitschleppen muss, ist das eine enorme logistische Herausforderung. In den Hütten habe ich beim Abendessen regelmäßig nach Nachschlag gefragt, um meinen Tagesbedarf zumindest im Ansatz zu decken. Der Rest wurde über Schokolade, Nüsse und Chips aufgestockt. Während viele Menschen zu Hause Kalorien zählen, um nicht zuzunehmen, zähle ich unterwegs Kalorien, um nicht komplett abzumagern. Trotzdem ist es auf solch einer Tour schwer, das Gewicht zu halten. Auch dieses Mal habe ich einige Kilos verloren, obwohl ich täglich ordentlich reingehauen habe. Aber 5.000 Kalorien verbrannte Energie bekommt man mit einer einzigen Abendeinzahlung schlicht nicht komplett abgedeckt.

Auch wenn ich bei diesen Extremleistungen an Substanz verliere, ist es faszinierend zu beobachten, wie der Körper auf solche Ausnahmesituationen reagiert. Nach zwei bis drei Blasen zu Beginn haben sich meine Füße schnell an die Distanzen gewöhnt; bald taten sie weder weh, noch entstanden neue Wunden. Muskelkater bekomme ich nach einigen Tagen gar nicht mehr – selbst wenn ich spontan über 3.300 Höhenmeter an einem einzigen Tag im Aufstieg absolviere. Der Körper schaltet irgendwann in einen hocheffizienten Funktionierungsmodus: Er blendet kleinere Wehwehchen einfach aus und läuft wie ein Uhrwerk. Nach einigen Wochen unterwegs fällt mir das Gehen dadurch erstaunlich leicht, obwohl die Tagesetappen sportliche Höchstleistungen bleiben.

Aber so schön solch eine Wanderung auch ist: Sie endet irgendwann. In den letzten Tagen bin ich meistens durchgehend erschöpft und besonders mein Kopf fängt an zu realisieren, dass die Zeit draußen abläuft. Mein Körper schafft es jedoch immer, bis zum Zielstrich durchzuhalten, ohne sich zu beschweren.

Richtig interessant wird es erst in den Tagen nach der Ankunft.

Während ich am Tag des Ziels meistens noch zwischen Euphorie und Melancholie schwanke, werden die ersten Tage danach seltsam. Anstelle von stundenlangen Märschen sitze ich plötzlich viel herum. Ich fahre nach Hause und werde am Bahnhof oder Flughafen von der Realität wie von einer Wand getroffen. Überall herrscht Lärm, überall drängen sich Menschen. Auf meiner Wanderung war ich die meiste Zeit draußen in der Stille – nun bricht das Chaos des Alltags über mich herein. Autos hupen, automatische Türen klacken, die Luft in Räumen ist stickig und warm. Werbung buhlt um meine Aufmerksamkeit, laute Lautsprecherdurchsagen dröhnen durch die Hallen.

Während mein Gehirn versucht, diese Reizüberflutung zu verarbeiten, schaltet mein Körper vom Überlebensmodus in den Reparaturmodus. Mehrwöchige Gewaltmärsche hinterlassen Mikroschäden in Muskeln, Sehnen und Gelenken. Unterwegs nimmt der Körper diese Mikrotraumen zwar hin, aber für echte Reparaturen fehlen ihm die Ressourcen. Erst wenn der Bewegungsdrang stoppt, beginnt das große Aufräumen: Gewebe wird repariert, Muskelmasse neu aufgebaut, totes Material abtransportiert und die Knochenstruktur verdichtet.

Während andere vielleicht denken, dass man nach so einer Fernwanderung voller Energie steckt und direkt wieder sportlich aktiv wird, passiert bei mir das genaue Gegenteil: Ich mache erst einmal gar nichts. Ich sitze schlichtweg extrem faul auf meinem Stuhl herum und tue tagelang absolut nichts Produktives. Ich liege am liebsten unbewegt da, verlasse die Wohnung kaum und schaue meinem Körper dabei zu, wie er Stück für Stück versucht, die Akkus wieder aufzuladen. Es ist eine fast schon verordnete Tatenlosigkeit – mein System verlangt exzessiv nach Schlaf, und die Beine fühlen sich tonnenschwer an.

Während ich vor wenigen Tagen mühelos 30 Kilometer über Alpenpässe marschiert bin, fallen mir plötzlich wenige hundert Meter zum Supermarkt schwer. Der Blutdruck sackt ab, der Ruhepuls fällt bei mir teils auf unter 50 Schläge pro Minute. In dieser Phase bin ich schlichtweg extrem regenerationsbedürftig. Es dauert ein paar Tage, bis die Kraftspeicher wieder gefüllt sind und der Körper zu neuer Stärke aufläuft.

Doch was passiert mit dem Geist durch solch eine Reise?

Der Körper braucht Regeneration – aber was passiert eigentlich im Kopf? Mit den Gedanken, Denkweisen und der inneren Haltung? Immerhin war ich wochenlang fast ununterbrochen mit mir alleine unterwegs. Auch wenn es wunderschöne, inspirierende Begegnungen am Wegesrand gab, gehörte die meiste Zeit mir und meinen eigenen Gedanken.

Selbst die Gespräche in den Abendschlafplätzen oder Hostels wirken auf mich manchmal seltsam oberflächlich. Da sitzen Menschen, die stolz erzählen, dass sie in wenigen Tagen drei Städte und zwei Bergregionen „mitgenommen“ haben. Aber wenn man nachhakt, wissen sie weder, welche Bäume um sie herum wachsen, welche Tiere in den Hängen wohnen oder worauf sie eigentlich gelaufen sind. Die Natur wird oft nur als hübsche Fotokulisse konsumiert, nicht als Raum begriffen.

Wenn man wochenlang Schritt für Schritt durch eine Landschaft geht, entwickelt man ein völlig anderes, fast instinktives Wissen. Man lernt den Untergrund mit den Füßen zu lesen. Man weiß nach einer Weile genau, welches Gestein selbst bei strömendem Regen noch verlässlichen Halt bietet und bei welchem Fels man schon bei minimaler Feuchtigkeit extrem aufpassen muss, weil er spiegelglatt wird. Man reist nicht mehr einfach durch die Natur, sondern wird für eine Weile Teil von ihr – mit allen Sinnen geschärft für die Details, die beim schnellen Durchreisen komplett verloren gehen.

Immer wieder fragen mich Menschen, ob ich mich dabei nicht einsam fühle. Tatsächlich ist das so gut wie nie der Fall. Es fasziniert mich selbst jedes Mal wieder: Ich kann tagelang alleine durch die Wildnis gehen, ohne mich einsam zu fühlen oder auch nur eine Sekunde Langeweile zu spüren.

Zu Beginn einer solchen Reise kreisen die Gedanken noch um die typischen Alltagsthemen: Aufgaben im Job, unerledigte Dinge zu Hause, Karrierepläne, Gartenarbeit oder offene Rechnungen. Doch nach einigen Tagen verschieben sich diese Gedanken – und vor allem werden sie leiser. Ich fange an, die Umwelt und mich selbst viel intensiver wahrzunehmen. Anstatt über die Probleme der Zukunft nachzugrübeln, beobachte ich einen Vogel im Flussbett oder wie das Abendlicht durch das Blätterdach bricht.

Die Gedanken werden einfacher, konkreter, echter. Anstelle von Zukunftsfragen oder künstlichen „Was-wäre-wenn“-Szenarien geht es um das Grundsätzliche: Wo schlafe ich heute? Wo bekomme ich Wasser her? Was esse ich heute Abend? Sobald dieser Rhythmus aus Gehen, Zelten oder Hüttensuche in Fleisch und Blut übergegangen ist, wird der Kopf noch ruhiger. Die Ungewissheit verliert ihren Schrecken, weil ich weiß, dass ich immer eine Lösung finden werde. Das Wandern wird zu einer fast schon meditativen Angelegenheit.

Manche Leute vermuten, dass man auf so einer Tour ununterbrochen über den Sinn des Lebens nachdenkt. Aber oft herrscht in meinem Kopf einfach nur vollkommene Stille. Ich wandere im Hier und Jetzt. Ich trinke kaltes Bergwasser, bestaune schneebedeckte Gletscher oder beobachte Steinböcke im Hang. Ich mache mir keine Notizen und verfolge keine geistigen Agenda-Punkte. Unterwegs habe ich meistens gar nicht das Gefühl, dass sich groß etwas in meinem Kopf verändert.

Der Kontrast entsteht erst bei der Rückkehr in das sogenannte „normale“ Leben.

Die ersten Tage zurück sind extrem gewöhnungsbedürftig. Die vielen hetzenden Menschen am Bahnhof, die Plakatwerbung, der Straßenlärm, die permanent aufblitzenden Smartphone-Displays. Die Menschen wirken alle unter Strom. Jeder scheint unaufschiebbare, extrem wichtige Dinge zu tun zu haben. Alle telefonieren, eilen, wirken angespannt.

Zu Hause wirkt meine eigene Wohnung zunächst fremd. Die Luft steht, die Wände wirken eng. Trinkwasser kommt plötzlich einfach auf Drehen aus der Wand, Essen liegt im Überfluss im Kühlschrank. Draußen stehen überall Autos – Menschen nutzen sie für Strecken, die man mühelos laufen könnte. In den Gesprächen geht es rasch wieder um To-do-Listen, Termine und gekaufte Dinge. Die Arbeit scheint für viele der einzige Mittelpunkt der Existenz zu sein.

Dieser Alltag wirkt nach der Tour absurd auf mich. Während ich noch vor Tagen meine gesamte Energie darauf verwendet habe, zu gehen, Nahrung zu finden und ein Dach über dem Kopf zu haben, dreht sich hier alles um künstliche Komplexität. Ich merke dann schnell, wie sehr ich mich nach der klaren Einfachheit des Trails zurücksehne.

Und plötzlich steht man wieder mitten drin: arbeiten, Dinge produzieren, Mehrwert schaffen. Auch wenn ich das meiste davon da draußen in der Natur nicht vermisst habe, scheint es hier essenziell zu sein.

Je mehr Kilometer ich sammle, desto deutlicher wird mir, wie surreal unser moderner Alltag aufgebaut ist. Wir halten es für völlig selbstverständlich, 40 Stunden pro Woche in geschlossenen Räumen zu verbringen, um am Wochenende ein wenig zu entspannen. Aber ist das wirklich die natürliche Form zu leben? Besonders in den ersten Wochen nach einer Tour stellt sich mir diese Frage immer wieder. Wenn man wochenlang auf das reduziert war, was den Menschen biologisch ausmacht – das Gehen, das Draußensein, das Bewältigen realer Hürden –, hinterfragt man zwangsläufig das gesamte gesellschaftliche Konstrukt. Vor ein paar hundert Jahren war es völlig normal, tagelang zu Fuß unterwegs zu sein. Heute wird man schief angeschaut, wenn man verkündet, dass man einfach mal ein paar Wochen am Stück irgendwo hingehen möchte.

Am Ende zeigt mir genau dieser Kontrast, was solch eine Wanderung mit mir macht: Sie verändert nicht nur meine Muskeln und meine Ausdauer. Sie rückt meinen Kompass wieder gerade – und genau deshalb weiß ich schon jetzt, dass ich wieder aufbrechen werde. Die Frage ist nur wann.

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f.hoehn
f.hoehn

31 Jahre alter Abenteurer aus der Nähe von Karlsruhe. Liebt Fernwanderungen aller Art und ist seit 2023 bereits mehr als 10.000 Kilometer gewandert. Verbringt die Zeit zu Hause gerne mit Kaffee trinken oder Pizzabacken.

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